Dienstag, 8. September 2015

Ein virtueller Konzertbesuch

Brahms Klavierkonzerte
Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin & Gustavo Dudamel

Diese Konzertaufnahme hat mir so gut gefallen, dass ich sie hier besprechen möchte. Und die gespielten Werke passen äusserst gut in diesen Blog. Solokonzerte schaffen beides, Leichtigkeit und Intensität. Und obwohl es sich um eine Aufnahme handelt bespreche ich sie lieber wie einen Konzertbesuch.

Ist das hier eine Kochsendung? Schwerlich. Trotzdem lerne ich beim Hören und Nachdenken über dieses Konzert dass das gemeinsame Wirken sehr guter Zutaten zu einem herausragenden Gesamtergebnis führen kann. So wird dieser Konzertabend zu einem intensiven und packenden Musikerlebnis welches wirklich Jedermann begeistern kann.

Die Berliner Philharmonie ist ein beeindruckender Konzertraum. Und die Namen der Beteiligten an diesem Konzert versprachen keinerlei Abstriche. Immerhin eilt der Staatskapelle Berlin der Ruf voraus zu den besten Klangkörpern der Welt zu gehören. Und mit Daniel Barenboim am Klavier sowie Gustavo Dudamel am Pult hat sich Weltklasse eingefunden.
Wie fast alle Konzerte von Brahms stellen auch die Klavierkonzerte für mich die breite Palette an Möglichkeiten des Komponisten dar und bebildern seine Stärken und sein Ausnahmekönnen.

Gleich zu Beginn des ersten Klavierkonzertes gehen die Musiker die Sache äusserst konzentriert an. Das Orchester spielt sich oft tief hinein in die größeren und kleineren Verstiegenheiten von Brahms’ Harmonik und wagt es dann auch in diesen sehr kurzen Momenten der Undefiniertheit zu verharren, um dem Konzertbesucher für einen Lidschlag den festen harmonischen Boden zu entziehen. Auch im Zusammenspiel mit dem Solisten gibt es diese Stellen, an denen das Orchester Melodien verfolgt die offenbar zur Klavierstimme im Widerspruch stehen. Trotzdem schaffen es die Musiker die Situation mit stoischer Hartnäckigkeit auszuspielen und so Widersprüche und Fragwürdigkeiten richtiggehend zu geniessen. Ein wunderbares und plastisches Beispiel für die originale Stärke klassischer Musik in Abgrenzung zu Filmmusik oder moderneren Werken.
In lauteren Teilen wünschte ich mir noch etwas mehr dynamische Möglichkeiten des Orchesters. Hier könnte die Feingestaltung der Lautstärken noch variabler sein, das würde die Musik an diesen Stellen umso gewaltiger wirken lassen. Für mich gehört das zu Brahms dazu.

Ein Solokonzert steht und fällt bei mir oftmals mit dem langsamen Satz. Ein meisterlich interpretierter langsamer Satz kann mich am meisten begeistern. Und auch an diesem Abend habe ich das Vergnügen. Im zweiten Satz des ersten Konzertes verschmelzen Orchester und Solist zu einer vollständigen Einheit und legen die Musik still, ruhig und nachdenklich auf den Fußboden des Konzertsaals. In völliger Einigkeit darüber dass sie dort auch hingehört. Immer wieder wird die Musik fast unhörbar still. In einer Weise die nicht die berühmte Stecknadelanspannung erzeugt, sondern die Konzertbesucher in so etwas wie verblüffte Entspannung versetzt. Das ist meisterlich. Nur manchmal bricht Barenboim an lauteren Stellen für meinen Geschmack etwas zu stark aus dieser Gesamtstimmungslage aus.

Am Anfang des zweiten Konzertes zeigt das Orchester wie sehr ihm auch die großen symphonischen Töne liegen. Im Hintergrund des Solisten spielen die Musiker mit breiten Pinselstrichen und nutzen so die Weite des Saals. Festliche Momente in der Musik haben fast etwas majestätisches. Manchmal jedoch erscheint es als müssen sich Barenboim und das Orchester diesmal etwas mehr konzentrieren um wirklich zusammen zu spielen. Ein echtes Miteinander müssen sich alle Musiker offenbar erarbeiten. Dadurch wirkt das zweite Klavierkonzert im Vortrag nicht ganz so selbstverständlich wie das Erste. Doch dann kommen alle in der zweiten Hälfte des ruhigen dritten Satzes endlich wieder zur Ruhe. Und da ist sie wieder, die befreiende Entspannung, nur dass sie diesmal fast noch etwas erzählerischer und jovialer wirkt. Und ganz am Ende dieses Satzes macht sich sogar ein Anflug von Opernatmosphäre breit. Auch das gehört ja zu den Kernkompetenzen dieses Orchesters. Im Schlusssatz des zweiten Konzertes spielt Barenboim dann die tänzerisch, springenden Linien in perfektem Maß aus, und das Orchester findet genau die richtigen Betonungen für einzelne Akkorde durch geschmackvoll pointiertes Spiel oder schweres Hineinlegen in einzelne Noten.

So geht schliesslich ein denkwürdiger Konzertabend zu Ende, der Vieles war. Unterhaltsam, nachdenklich, verunsichernd, erholsam und begeisternd. Alle Akteure haben nahezu lückenlos ihre Extraklasse zusammengebracht um gemeinsam Schönheit zu gestalten und die Konzertbesucher in ihren Bann zu ziehen. Dieser Abend ist ein weiteres Beispiel dafür dass man durch hohe Qualität oftmals auch bestens unterhalten wird.