Montag, 15. Mai 2017

Steve Reich, Synergy Vocals und die Colin Currie Group in der Elbphilharmonie


“Maximal Minimal” - das war das Motto einer ganzen Konzertreihe in der Elbphilharmonie, die von einem ganzen Block an Steve Reich Aufführungen bestimmt wurde. Glücklicherweise wurde ich durch meine Frau ursprünglich auf dem Komponisten aufmerksam, und am tollsten war dass sie mich zu diesem Konzert begleiten konnte. Am Freitag den 12. Mai wurde “Music for 18 musicians” aufgeführt. Dafür war die auf seine Werke spezialisierte Colin Currie Group sowie Mitglieder der Synergy Vocals aus London anwesend. Die Instrumente, unter anderem bestehend aus mehreren Klavieren, Marimbas, Xylophonen, Geige, Cello, Bassklarinette und Sängern waren in annähernder Symmetrie auf der Bühne aufgebaut. So konnten die Musiker in gutem Kontakt zueinander stehen. Zunächst trugen aber Colin Currie und Steve Reich sein Stück “Clapping Music“ mit den Händen klatschend vor. Mit auffallender Genauigkeit durchliefen beide die sich immer gegeneinander verschiebenden Rhytmuskonstrukte, wobei Steve Reich fast etwas gleichmütig wirkte. 

Nach einem kurzen Interview mit Reich trat dann das ganze Ensemble im Hauptteil ohne ihn auf um “Music for 18 musicians” zu spielen. Und von Beginn an stand hier bei fast allen der Spass am spielen und der Genuß der Musik im Vordergrund. Die Sängerinnen schienen jeden Ton langsam und bedächtig zu gestalten und schliesslich abzugeben. Sehr bewusst nahmen sie die unterschiedlichen Lautstärkeanforderungen zur Einordnung im Ensemble wahr. Mal im Formantgefüge führend, mal mit Geräuschen unterbewusst unterstützend. Der Cellist legte sich mit viel Ausdruck in der Körpersprache in den Vortrag und auch die Klarinettisten schienen ihre helle Freude zu haben, auch wenn sich lächeln und Klarinette spielen eigentlich ausschliessen. So wurde jeder der 11 “Pulses” des Stückes, kleinere Einzelsequenzen die jeweils um einen Akkord herum aufgebaut sind, mit wacher Klarheit und zu freiem Spiel beorderter Präzision gestaltet. 
Manchmal war das Hören leider nicht einfach, wurden doch einige Instrumente mit Mikrofon abgenommen und verstärkt wiedergegeben. Durch die geflogenen (hoch aufgehängten) Lautsprecher des PA-Systems hatte man manchmal den Eindruck den Klang eines Instrumentes aus unterschiedlichen Richtungen wahrzunehmen. Das erschwerte die Orientierung in der Kompostion etwas, nahm dem Raum aber auch etwas von seiner analytischen Klarheit. Auch die kreativ “mitmischenden” Techniker am Mischpult waren zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, konnten sich dann aber gut in den Vortrag einfügen.
Eine weitere Herausforderung für die Konzentration waren die auffallend starken Publikumsströme. Nicht nur die hohe Zahl an verfrühten Abwanderungen, auch die Tatsache dass noch im Hauptteil größere Gruppen den Konzertsaal betreten durften war sehr ungewöhnlich. Auch wenn man den Konzertbesuch nur benutzt um das Gebäude und die Architektur zu erleben hat man dennoch die Möglichkeit sich vorher mit der Musik zu beschäftigen und zu wissen worauf man sich einlässt.

Glücklicherweise schien nichts von alldem beim Ensemble anzukommen. Da herrschte Freude und Feierlichkeit ob des einzigartigen Abends vor. Immer wieder läutete das zentrale Metallophon die Wechsel zwischen den Phases ein und erwirkte so auch auf der Bühne Ortsveränderungen - aber von den Musikern. Und immer mehr verschmolz die Musik zu einem Klangkontinuum und stellte größere Spannungsbögen mehr heraus.

Nach den letzten, ersterbenden Tönen der Streicher verabschiedete sich das Ensemble mit dem Komponisten unter lautem Applaus, und liess beim Besucher den Eindruck zurück, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.